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Auf der Gezähekiste

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9. Veröffentlichung der Oberschlesischen Studienhilfe e. V.
Bergmannsgeschichten

"Für den verehrlichen Leser, der nicht von der „schwarzen Gilde" ist, und für die etwaige verehrliche Leserin muß ich erst den Begriff Gezähe erläutern: Der Bergmann versteht hierunter sein Werkzeug, das er zu seiner Arbeit braucht, die Keilhaue, die Axt, die Säge, das Fäustel und dergleichen mehr. Nach der Schicht verschließt er sein Gezähe in eine entsprechend große, feste Kiste, die Gezähekiste. Sie erfüllt also in diesem Sinne eine wichtige Aufgabe. Daneben erfüllt sie aber auch noch einen weiteren Zweck: Sie dient als Sitzunterlage. Wenn Frühstückszeit, Brotzeit, oder wie man es sonst nennen mag, gemacht wird, so muß sich doch der Bergmann hierbei auf irgend etwas setzen. Stühle, Bänke oder dergleichen gibt es vor Ort nicht. Er setzt sich also auf seine Gezähekiste. Sie bietet gewöhnlich Platz für mehr als einen Mann. Und wenn das Butterbrot verzehrt ist und noch fünf Verdauungsminuten zugegeben werden, dann kommt es im Kameradenkreis von selbst zu einem kleinen Schwätzchen: es werden schnell die brennendsten Tagesereignisse gestreift, die wichtigsten Vorkommnisse auf der Zeche erörtert, über Lohn- und Sozialfragen diskutiert, aber auch private und Familienangelegenheiten erwähnt und besprochen. Ganz besonders wird aber natürlich jedes Wort, jede Anordnung, die der Vorgesetzte, und das ist im allgemeinen der zuständige Steiger, bei der Befahrung vor Ort geäußert hat, je nach dem Grade seiner Beliebtheit von allen Seiten beleuchtet und ausgewertet und einer eingehenden Kritik unterzogen. Erfahrungen werden hierbei ausgetauscht, eigene Erlebnisse, Überlegungen und Gedanken vorgebracht.

Diese fünf, auch manchmal zehn Minuten „Bergamt" werden zu einer Fundgrube reichen Wissens- und Erfahrungsaustausches. Aber auch manche Anekdote und Geschichte über Vorgesetzte und auch Kameraden wird zum besten gegeben, manches Charakterbild gezeichnet, von dem der Betreffende keine Ahnung hat.

Wenn manche Gezähekiste erzählen könnte! Sie spielt eine ähnliche Rolle wie ehedem bei den Trappern in Wild-West das Lagerfeuer, wie bei den Soldaten das Feuer im Biwak — wie der Platz am Kamin. Wie so mancher heitere Schwank ist hier erzählt, mancher Scherz trotz der schweren Arbeit gemacht worden — aber auch so manches ernste, besinnliche Wort hier gesprochen, manche Sorge hier still in sich verdrückt, mancher Kummer hier verstöhnt worden — aber auch manche Drohung hier hinausgewürgt, manche Klage hier zum Himmel emporgesandt — so mancher Rachegedanke hier ausgebrütet worden.

Doch nicht nur das: Wie so mancher Schmerz, vom Unfallteufel heimtückisch wie ein vergifteter Pfeil aus dem Hinterhalt gesendet, ist hier stumm verbissen worden — so mancher Blutstropfen hier in die Sohle versickert. Wie so manche Gezähekiste hat die Augen eines braven Bergmanns brechen sehen, der auf ihr, aus der Umklammerung des Würgeengels vor Ort geborgen, hier zur vorläufigen Rast gebettet wurde.

Die Gezähekiste des Bergmanns vor Ort ist mir eine geheiligte Stätte, fast möchte ich sagen, der Hausaltar des Bergmanns unter Tage. Sie ist das Abbild des Bergmanns selbst, seine treu und stumm dienende Gefährtin.

Habt Achtung und Ehrfurcht, ihr junge Generation, vor der alten, schlichten, groben, rauhen Gezähekiste des Bergmanns!"

Erhaltungszustand

sehr guter Zustand, geringe Gebrauchs- und Alterungsspuren - Schutzumschlag gering defekt