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Aus dem Lande der Märchen und Wunder - Indische Skizzen

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"... Es scheint, als sähen wir in Indien sowohl das Altertum wie das Mittelalter immer wieder aufleben. Jedenfalls ist dieses geheimnisvolle Land noch nicht völlig modernisiert, es fängt vielmehr eben erst an, die neue Zeit zu verstehen. Was aber das zwanzigste Jahrhundert an Reformen gebracht, das ist auf die Engländer zurückzuführen, unter deren Herrschaft jetzt ein großer Teil Indiens steht. Sie haben durch ihre Regierungs- und Verwaltungskunst nicht nur ihre eigene Macht befestigt, sondern auch heilbringend für das Land selbst gewirkt. Wenn die Kolonisationstätigkeit ein Prüfstein für die Kraft einer Nation ist, so spricht das sehr für die Stärke der Briten, die in der Kunst, Länder zu erschließen und nutzbringend zu verwerten, Meister sind. Ihre Hauptwaffe ist das Kapital, und mit diesem versehen haben sie keine Ausgaben gescheut, die sie zur Entwicklung des Landes für notwendig hielten. In großartiger Weise wurde das Verkehrswesen von ihnen gefördert durch den Bau vortrefflicher Straßen und Eisenbahnen. Sie haben ein Bahnnetz von mehr denn dreißigtausend englischen Meilen geschaffen, auf denen ungefähr 250 Millionen Eingeborene jährlich befördert werden. Das Post- und Telegraphenwesen ist vorzüglich organisiert, und für die Erhaltung der Nationalheiligtümer wird Sorge getragen. Die Regierung hat Ackerbauschulen eingerichtet und systematische Bewässerung durch Kanäle eingeführt; diese Anlagen verzinsen sich gut und sind gleichzeitig unschätzbar zur Verhinderung von Hungersnot. Indien ist, wo Berieselung möglich, sehr fruchtbar, und 175 Millionen leben von der Landwirtschaft. Handel und Gewerbe blühen nicht mehr wie ehedem, seit es Mode geworden, sich nach englischem Muster einzurichten; immerhin ist das Handwerk von Bedeutung, und die indischen Handwerker zerfallen in zwei Kategorien, die Dorfhandwerker und die Gewerbetreibenden der größeren Städte. Die letzteren sind schon halbe Künstler. Diese Betrachtung drängt sich uns auf, wenn wir die Goldschmiedekunst und Metallarbeit in Delhi, die Teppichweberei in Agra, die Holzschnitzerei in Ahmedabad und die Einlegearbeit in Bombay sehen. In diesen Städten arbeitet der Handwerker viel mit dem Kaufmann zusammen, der ihm das Material liefert und gleichzeitig Geldverleiher, Geldwechsler und Bankier ist. — Wie die englische Regierung energisch gegen die Greuel der Witwenverbrennung vorgegangen ist und wie sie gegen die unseligen Kinderheiraten kämpft, so wirkt sie auch auf dem Gebiet der Hygiene und sucht Mittel und Wege um der Ausbreitung der Pest und der Hungersnot entgegenzutreten. Allerdings geschieht nach Ansicht der Opposition viel zu wenig, aber man darf nicht verkennen, daß die religiösen Vorurteile und Gebräuche der Inder der Regierung die größten Schwierigkeiten bereiten, ja ihr direkten Widerstand entgegensetzen. Wenn man sieht, wie das Volk gelegentlich der großen Feste in den schmutzstarrenden Gewässern badet und das übelriechende Wasser der heiligen Brunnen und Teiche trinkt, dann wundert man sich nicht, daß die furchtbare Seuche hier einen günstigen Boden findet. Hoffen wir, daß mit der zunehmenden Aufklärung, wie sie das erfreulich entwickelte Unterrichtssystem schafft, auch in dieser Beziehung bessere Zustände kommen.

Für das Schulwesen ist in der Tat unter der Regierung der Engländer viel geschehen; während früher neun Zehntel der indischen Bevölkerung Analphabeten waren, besuchen jetzt zwischen vier bis fünf Millionen Kinder — auch auf die Mädchen dehnt sich dieser Unterricht aus — die mehr denn hundertfünfzigtausend Volksschulen. »Wissen gibt Macht«, das haben die intelligenten Hindu schnell erkannt und streben darum eifrig nach europäischer Bildung. Mit großer Ausdauer und unter vielfachen Entbehrungen studieren sie auf den von den Engländern errichteten Universitäten in Bombay, Kalkutta, Madras, Allahabad und Lahore. Leider gehen Tausende von sogenannten Omédvár (Hoffnungslosen), die keine Anstellung finden, aus den Universitäten hervor, und sie werden dann leicht zu Agitatoren, die in der einheimischen Presse die Unzufriedenheit gegen England schüren. Unter Führung der studierten Hindu, der Professoren, Doktoren, Journalisten, hat eine politische Bewegung begonnen, die mit der abendländischen Zivilisation auch politische Freiheit und Gleichheit verbreiten möchte. Die Inder, deren Nationalbewußtsein sich infolge der gesteigerten Kultur und höheren Bildung sehr gehoben hat, empfinden es schmerzlich, daß sie eigentlich nur zu subalternen Stellungen zugelassen werden und fordern gleiches Recht für alle.

Nicht zu leugnen ist der Hochmut eines Teiles der englischen Beamten gegen ihre Untergebenen. Vielleicht wäre es nicht nur besser, sondern auch klüger, der Eigenart der Eingeborenen mehr Verständnis entgegenzubringen und ihre Empfindlichkeit nach Möglichkeit zu schonen. Wie gesagt, die Briten sind tüchtige Kolonisatoren, aber auch große Egoisten, und das Urteil, das Rudolf von Jhering in seinem Geist des römischen Rechts über die Römer fällt, indem er sagt »der unersättliche Dämon der Selbstsucht opferte alles seinem Zweck«, ist auch auf die Engländer anwendbar. Die Sahibs haben es vortrefflich verstanden, die Rolle der höheren Wesen und Halbgötter zu spielen und dadurch den Europäern zu besonderm Ansehen in Indien verholfen; ob sie sich aber der erdrückenden Übermacht der Bevölkerungsziffer gegenüber immer im Lande der Märchen und Wunder behaupten werden? — das ist eine Frage, die nur die Zukunft entscheiden kann. —

  • Einleitung
  • Mit dem Österreichischen Lloyd von Triest nach Ceylon
  • Auf der Smaragdinsel
  • Ein Spaziergang durch den Peradenya-Garten
  • Madura
  • Morgenstunden am Ganges
  • Das Himalaya Gebiet und der Lamaismus
  • Indische Wallfahrtsorte
  • Fatipur-Sikri, die Stadt der Siege
  • Das Rom Asiens und seine Via Appia
  • Im Reiche der Maharadschas
  • Dschaipur
  • Gwalior
  • Zoroaster und Siva

Erhaltungszustand

guter bis sehr guter Zustand, geringe Gebrauchs- und Alterungsspuren - Einband leicht verschmutzt - innen sauber und ordentlich - Bindung des Deckels leicht gelockert, so daß Gelenk vor der Titelseite offenliegt