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Naucke's Luftreise und andere Wunderlichkeiten - Geschichten

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Naucke's Luftreise und andere Wunderlichkeiten - Geschichten für Arbeiterkinder

nicht bei Bloch

"Wie dies Buch entstand

Nachtstill war’s im Walde. Die Vögel hatten die Lider schläfrig über die Augen geklappt; die Eichhörnchen duckelten zusammengerollt in den höchsten Baumwipfeln; die Käfer hockten mit eingezogenen Fühlern unterm Moose. Nur ein Kater trippelte unstet über gefallenes Laub, rieb sich das Fell an Baumstämmen und miaute kläglich. Er roch stark nach Balsam und Sargholz. Mitunter auch war aus feinem Gemaunze heraus zu hören: ,,Wenn ich nur mein verflossenes Lotterleben einem Menschen beichten könnte. Eher finde ich in meiner viereckigen Sargkiste keine Ruhe.«

Schreckhaft, wie Katzen nun einmal sind, fuhr der Kater plötzlich zusammen. Das Schnauben eines Pferdes war an sein Ohr gedrungen, und als er sich umdrehte, bemerkte er einen abgetriebenen, dürren Gaul, der mit geknickten Vorderbeinen bedächtig in den Wald getrabt kam.

,,Wer heult hier denn so gottsjämmerlich? — Ah, guten Abend, Herr Kater. Hören sie doch auf mit ihrem Gejammer, das macht ja Tote lebendig. Ich habe ohnehin keinen festen Todesschlaf, verstehen sie? Die Geschichte, die ich im Leben durchgemacht habe, läßt mir keine Ruhe! Ich bin nämlich der von den Menschen langsam zu Tode geschundene ehemalige Pferdebahngaul Trippeltritt — — «

,,Mein Name ist Dyckerpott — Murr Dyckerpott", stellte sich der Kater mit leichter Neigung des Kopfes vor. ,,Ich suche eines dieser zweibeinigen Geschöpfe, denen ich mein — ««

,,Leid klagen könnte, nicht wahr,« fiel der Kater ein, ,,das will ich eben auch, mich drückt mein ehemaliges Leben — —«

,,Natürlich etwas zu spät, wie gewöhnlich", mengte sich in das Katerlamento eine sehr dünne Stimme. Sie kam unter Farnkräutern hervor und mit ihr ein ganz kleines, kaum drei Käse hohes Männlein, das den glockenförmigen Hut vom Kopfe zog und nach einem flüchtigen ,,Guten Abend« weiterfistelte: ,,Ueberhaupt, was redet ihr vom Leben? Ich suche gerade — —«

,,Einen Menschen,« warfen Murr und Trippeltritt ein. ,,Jawohl, dem ich klar machen will, daß nur die vom Leben reden können, die um ein freies, fröhliches Leben kämpften, wie wir, die Germunizwerge — — «

,,Oder die dafür ihr Leben ließen, wie ich, der Stock von Eichenholz«, wurde die Rede des Männchens sehr hölzern unterbrochen. Dann rappelte sich im Gebüsch etwas und hervor hüpfte mit trotzigem Gesicht ein braunes Stöckchen, dem die untere Hälfte des schlanken Körpers fehlte. ,,Ja — die Menschen. Eine komische Sorte! Eher soll mich der Affe kratzen — —«

,,Der wird dich auch gleich kratzen, wenn du nicht aus der Schußlinie gehst!«

Murr, Trippeltritt, der Zwerg und der Stock taten einen ehrenwerten Satz zur Seite, denn an einem dicken Baumast hing ein ansehnlicher Orang-Utan. Der schaukelte sich, trieb allerlei langschwänzigen Allotria, sprang mit kühnem Schwung in die Luft  hinaus und landete auf der Erde — inmitten der vier Versammelten.

,,Nichts für ungut, Herrschaften, ich bin Hukupukl, der Affengroßvater. Ich suche — ——«

,,Einen Menschenss, sagten die vier anderen gleichmäßig.

,,Quatsch! Ruhe suche ich.« Der Affengreis preßte einen Arm auf den Brustkasten. ,,Oh! Puh! Wie ich gerannt bin. Komme direkt aus dem Urwalde. Ich finde nämlich keinen Schlaf, wissen sie; eigentlich bin ich schon gestorben, aber ich habe im Leben so viel geschwindelt, daß mir die Lügen noch im Grabe Alpdrücken verursachen. Ueberhaupt jetzt, wo mein kleiner Enkel Jako, diese tolle Zwiebel, — —«

Der Großvater ließ den Unterkiefer hängen, weil die anderen nach dem Waldrande hin lange Hälse machten.

Dort spazierte nämlich ein gewisser Rebold Federkiel seines Weges. Er sog die würzige Luft tief in die Lungen, schaute gen Osten, wo die Sonne verschlafen über den Erdrand kroch und deklamierte begeistert: ,,Herrlich, so ein Morgen im Walde, — dieser fast überirdische Frieden, —— als die Fünf spukartig geschwind aus dem Gebüsch sprangen, auf den Mann einschrien und einen fast überirdischen Spektakel vollführten.

,,Höre meine Geschichte, Zweibeiniger! Ueberbringe sie den Menschen zur Warnung, damit bei euch die Gerechtigkeit wieder zum Siege gelangt«, wieherte Trippeltritt.

,,Jawohl, Zweibein, euer Leben ist unter allem Affen verkehrt eingerichtet", tadelte Murr.

,,Keine Beleidigungen, ja!«, fuhr Hukupukl erregt auf. »Was heißt: unter allem Affen! Allerdings: was ich daheim von dem herrlichen Leben der Menschen erzählt habe, ist ein Schwindel, den ich hiermit feierlich widerrufe.«

Als auch noch der Stock und der Zwerg den Mund aufrissen, schob sich ein Finger aus der Erde hervor und verneigte sich mit dem Nagelkopf. ,,Ein bischen Ruhe, wenn ich bitten dürfte! Ihr befindet euch über einem ehemaligen Kirchhofe! — Wie? Von haarsträubenden Ungerechtigkeiten will der Gaul erzählen? Oh, was das anbelangt — —«

Und weil alle, alle durcheinander schwatzten, rang der Mensch verzweifelt die Hände. ,,Ruhe, zum Teixel! Was ihr da erzählt, scheint allerdings nicht ganz ohne zu sein, und weil ich nun einmal Rebold Federkiel heiße, will ich eure abenteuerlichen Klagen schnell zu Papier bringen! Aber eins nach dem anderen.«

,,Na also", sagte der Zwerg, rückte am Hütlein und wollte mit seiner Angelegenheit beginnen, als kreischende Kinderstimmen laut wurden. 

Federkiel quiekte nervös. Dann hörte er, daß einige Büsche niedergetreten wurden und hervortraten: ein kleiner, dicker Rüpel, dem ein mächtiger Drachen über dem Rücken hing; ein Junge, dem ein Finger der rechten Hand fehlte; ein anderer, der eine Husarenuniform verlegen unterm Arme schleppte und ein Mädchen, das den Mann mit artigem Knix frug: ,,Sind sie Herr Federkiel?«

,,Ja, leider«, sagte der Mann mit dem Tintenstift.

,,Wir wollen ihnen nämlich — —«

,,Räuberpistolen erzählen, ich seh’s doch schon euren Nasenspitzen an«, schnitt Federkiel jede Weitläufigkeit ab. ,,Na, denn los. Zuerst der Kater, weil der wieder in seinen Sarg zurück muß, noch ehe der Friedhofswärter den Dienst antritt.«

Und während der alte Affe Hukupukl bald die Kinder kratzte, bald den Stock und den Zwerg wie Flöhe zu knacken suchte, bald dem Gaul Haare aus dem Schweife rupfte oder mit der Quaste des Drachenschwanzes läppschte, plauderte Murr Dyckerpott über sein närrisches Katerleben.

Federkiel aber ließ den Griffel übers Papier sausen, daß die Tinte spritzte.

Wer mehr wissen will, der schlage die nächste Seite um ..."

Erhaltungszustand

sehr guter Zustand, geringe Gebrauchs- und Alterungsspuren - Einbandecken gering abgenutzt - Einband teils leicht verschmutzt - Seiten sauber und ordentlich - Papier etwas altersgebräunt