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Slowakische Volkskunst

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Architektur - Trachten und Stickereien

herausgegeben von Rudolf Mrlian
deutsche Erstausgabe

"In der Slowakei ist die Volkskunst noch lebendig erhalten im Bewußtsein des werktätigen Volkes, nicht nur des Landvolkes, sie lebt auch noch im Bewußtsein der jüngeren Generation der Arbeiterklasse, die erst in den letzten Jahrzehnten und Jahren das Dorfmilieu, die Atmosphäre der Folklore verlassen hat. Die kapitalistische Gesellschaftsform vermochte die tiefverwurzelte künstlerische Schöpferkraft des slowakischen Volkes nicht zu brechen, wie wir es bei vielen Völkern Westeuropas sehen, wo in dem stürmisch sich entwickelnden Kapitalismus die Volkskunst untergeht und mit der bewußten Unterstützung der herrschenden Klassen durch die dekadente Kunst verschiedener Richtungen ersetzt wird. Die wirtschaftlichen Verhältnisse zur Zeit des Kapitalismus schufen alle Voraussetzungen für das Wuchern einer solchen dekadenten Kunst und es ist kein Wunder, daß der Mensch aus dem Volke, als Lohnarbeiter der Ausbeutung immer mehr ausgesetzt, die Möglichkeit zur Entfaltung seiner schöpferischen Kräfte verliert. Die Slowakei kann bis zum Jahre 1918 als ein Land mit halbfeudaler Gesellschaftsstruktur bezeichnet werden, wo das Volk unter nationalem und sozialem Drucke litt; in der Volkskunst fand es sehr oft das einzige Kampfmittel gegen seine Ausbeuter. Zur Zeit der Vor-Münchener Republik jedoch würgten Massenauswanderungen, Arbeitslosigkeit und unerträgliche Ausbeutung die Entfaltung der schöpferischen Kräfte unseres Volkes. Und so wird auch in der Slowakei das Volk gezwungen sich den wirtschaftlichen Bedingungen anzupassen ...

Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sich die Slowakei entwickelte, waren wesentlich andere als die in Böhmen. Die Slowakei gehörte bis 1918, dem Jahre des Entstehens der Vor-Münchener Tschechoslowakischen Republik, zu Ungarn, wo sich der Kapitalismus viel später entwickelt hatte, sodaß sich in der Slowakei die Industrialisierung Ungarns erst im letzten Drittel des XIX. und zu Beginn des XX. Jahrhunderts fühlbar macht. Aber auch da kann noch keine Rede sein von einem industriell entwickelten Lande und die Slowakei kann schlechthin bis zum Jahre 1918 als ein Land mit halbfeudaler Gesellschaftsstruktur bezeichnet werden. Seine ökonomisch-politische Lage spiegelte sich auch in der Volkskultur und vor allem in der Volkskunst wider. Die halbfeudalen Verhältnisse schufen besondere Bedingungen für das volkskunstliche Schaffen, das sich mit Ausnahme einiger Gegenden und Arten trotz des starken Umsichgreifens bourgeoiser Kultur und Kunst fortentwickelte und sich bis auf unsere Zeit erhielt. Die kapitalistische Gesellschaftsstruktur blieb jedoch nicht ohne Einfluß auf die Volkskunst, die besonders gegen Ende des vergangenen und zu Beginn unseres Jahrhunderts einen gewissen Rückgang zeigt. Das Interesse der sich mächtig entfaltenden Bourgeoisie für das volkskunstliche Schaffen beschränkte sich auf eine leere, idyllisch gefärbte Bewunderung, die zu verschiedenen volkskundlichen Ausstellungen führte und die Damen der Stadt bewog, sich bei festlichen Angelegenheiten in slowakischen Trachten zu zeigen. Das alles aber war eine irreführende Geste, die das revolutionäre und aufrührerische Gepräge volkskundlichen Schöpfertums verwischen sollte. Ein ähnlicher Prozeß ging auch in Böhmen vor sich, nur daß er dort früher, man kann sagen gleichzeitig mit der Entfaltung des Kapitalismus verlief. Aber nicht einmal in Böhmen und noch weniger in der Slowakei konnte die Schöpferkraft des Volkes, das seine Tradition wahrte, ganz gehemmt werden ...

Wenn wir diesen Reichtum der Volkskunst unseren Werktätigen übermitteln wollen, müssen wir eine systematische Forschung und Aufzeichnung aller Gegenstände vornehmen, die noch vor kurzem in Haushalt, auf Feld und Hof in Gebrauch waren und die von Tag zu Tag schwinden. Wir haben daher in dem vorliegenden Werke besondere Aufmerksamkeit dem bildnerischen Schaffen unseres Volkes geschenkt, an dem wir die Richtigkeit unserer bisherigen Ausführungen über die Volkskunst im allgemeinen bestätigt finden. Die Reproduktion des konkreten Werkes sagt zwar nicht immer genügend über dessen Funktionswert aus, sie gibt uns aber eine klare Anschauung davon, was es vom Gesichtspunkt des Bildnerischen beinhaltet. Das vorgeführte Material, das in dieser Veröffentlichung in fünf Teile gegliedert ist, weist einige gemeinsame, für die Volkskunst charakteristische Merkmale auf, die für uns vom sozialen Standpunkte von großer Bedeutung sind ...

Einen bedeutenden Raum in der bildnerischen Äußerung unseres Volkes nehmen die Trachten und Stickereien ein. Der ungeheuere Reichtum und die bunte Vielgestaltigkeit, die die Slowakei auf diesem Gebiete aufzuweisen hat, kann auch bei sorgfältigster Auswahl nicht mit allen Formen der Trachtenteile und allen Arten der Stickereien erschöpfend dargeboten werden. Die Eigenartigkeit der Trachten wird in ihren Einzelheiten nicht nur durch die jeweiligen Gebiete bestimmt, in denen gleiche oder ähnliche soziale und wirtschaftliche Bedingungen herrschen. Jedes Tal, jedes Dorf bekundet an Stickereien und Trachten sein ausgeprägtes Eigenleben und wir bekommen einen Überblick über die Spannweite der schöpferischen Fähigkeit unseres Volkes auf diesem Gebiete, wo bei der Anfertigung einzelner Bestandteile der Tracht der individuelle Formungswille im Rahmen eines entsprechenden Kollektivs zur Geltung kommt. Die slowakischen Trachten entwickelten sich allmählich aus einfachen Formen primitiver Gewandung zu prunkvoller, in Schnitt, Stoff und Ausschmückung mannigfaltigster Dorfkleidung. Obgleich in den Volkstrachten Elemente aus einzelnen Stilepochen mitsprechen, hat doch die Schöpferfreude unseres Volkes alles Übernommene durch Verschmelzung mit dem urtrachtlichen Eigengut zu neuen Formen umgestaltet. Die künstlerische Fähigkeit unseres Volkes bekundet sich auch beim Übernehmen fremder Elemente, die zu bloßer Anregung werden, von der die gestaltungsbereite Hand ausgeht zur Bildung einer Fülle neuer Formen in Schnitt und Verzierung des Materials. In alter Zeit war die Tracht ganz das Erzeugnis des Hausfleißes, entsprechend den natürlichen Gegebenheiten des Gebiets, vom Material an bis zum letzten Grad der Ausschmückung. Das meist verwendete Material war Leinen, Tuch und Leder, alles Erzeugnisse der Hausarbeit. Erst später, als sich die fabriksmäßige Erzeugung verschiedener Textilien entwickelt hatte, konnten neuartige Stoffe zur Ausschmückung oder zur Anfertigung einzelner Trachtenteile herangezogen werden ..."

Erhaltungszustand

sehr guter Zustand, geringe Gebrauchs- und Alterungsspuren - 2 kleine alte Besitzerstempel